MY TURN - Frauen mit Migrationserfahrung starten durch

Arbeitsmarktintegration von geflüchteten Menschen: Perspektiven aus dem ESF-Programm WIR

Aufenthaltsrechtliche Hürden, unzureichende Kenntnisse der deutschen Sprache, fehlende berufliche Anerkennung, und ein zunehmend angespanntes gesellschaftliches Klima: Die Integration geflüchteter Menschen in den Arbeitsmarkt ist eine komplexe Aufgabe und erfordert vielfältige und passgenaue Ansätze. Umso wichtiger sind Programme, die zielgruppenspezifisch unterstützen und strukturelle Veränderungen mitdenken. Neben MY TURN tragen daher weitere Programme dazu bei, diese Herausforderung zu bewältigen. Beim 28. Lunch & Learn der Vernetzungsstelle MY TURN waren Vertreterinnen des ESF-Programms „WIR – Netzwerke integrieren Geflüchtete in den regionalen Arbeitsmarkt“ (WIR) zu Gast und teilten Erkenntnisse aus Programmsteuerung und Praxis.

WIR: Zielgruppen, Ansatz und Wirkung

Zum Auftakt gab Anne Katrin Lutz aus dem zuständigen Referat des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS, VIGruEF2) einen Überblick über das Programm. Bundesweit werden aktuell ca. 40 Einzelprojekte und Projektverbünde gefördert, die geflüchtete Menschen z.B. zur nachhaltigen Arbeitsmarktintegration, zur (Wieder-)Aufnahme des Schulbesuchs sowie zum Erhalt oder Ausbau ihrer Beschäftigungsfähigkeit befähigen.

Im Unterschied zu MY TURN, das sich ausschließlich an Frauen mit Migrationserfahrung und gesichertem Aufenthalt richtet, begleitet WIR auch geflüchtete Männer sowie Personen mit Aufenthaltsgestattung oder Duldung. Damit erreicht das Programm Zielgruppen, die von MY TURN nicht abgedeckt werden können.

Neben der Arbeit mit Teilnehmenden bilden strukturelle Maßnahmen eine zweite Säule des Programms. Dazu zählen beispielsweise Schulungen für die Arbeitsverwaltung, die Erstellung von Leitfäden zum Arbeitsmarktzugang sowie Sensibilisierungsarbeit gegenüber Arbeitgebern, wie Anne Katrin Lutz erläutert. Ein besonderer Fokus liege zudem auf geflüchtete Menschen mit Behinderung, deren Unterstützungsbedarfe häufig ausgesprochen komplex seien.

Die bisherigen ersten Evaluationsergebnisse unterstreichen die Wirksamkeit des Programms: Von rund 18.000 Teilnehmenden, die WIR bereits verlassen haben, konnten etwa 30 Prozent in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und 11 Prozent in Ausbildung vermittelt werden – Erfolgsquoten, die gut mit denen von MY TURN vergleichbar sind. Das Programm läuft derzeit bis September 2026, eine Verlängerung erfolgreicher Projekte bis Ende 2028 ist in Vorbereitung.

Ein weiterer Förderschwerpunkt des Programms ist der Übergang von der Schule in den Beruf für geflüchtete Menschen mit (möglichen) Behinderungen. Im Rahmen eines zweiten Förderaufrufs konnten sich Projekte bis zum 19. Februar 2026 mit einer Interessenbekundung bewerben, die diesen Prozess noch gezielter begleiten. Neu ist, dass neben Personen mit formell anerkannter Schwerbehinderung auch solche begleitet werden, bei denen unklar ist, ob eine Behinderung besteht. Hintergrund ist nach den Erfahrungen der Berater*innen in WIR Projekten, dass viele Betroffene ihre Rechte und Möglichkeiten in Deutschland noch nicht kennen, kein Zugang zu Diagnostik besteht, aus Angst vor Stigmatisierung darauf verzichten oder entsprechende Nachweise auf der Flucht verloren gegangen sind. 

Impulse zu der Situation von geflüchteten Menschen mit Behinderungen liefern unter anderem programmeigene Arbeitsgruppen, in denen sich Vertreter*innen aus der WIR-Projektlandschaft zu aktuellen Themen austauschen und Handreichungen für die Arbeitsmarktvermittlung von Geflüchteten mit Behinderung entwickeln. Auch für die MY TURN-Projekte sind diese von großem Wert, da sich auch unter den Teilnehmerinnen vereinzelt welche mit Beeinträchtigung befinden, die von der ausgewiesenen Expertise der WIR-Projekte profitieren können.

Praxisbeispiel: „BLEIBdran+“ in Thüringen

Wie WIR in der Praxis umgesetzt wird, zeigten Christiane Götze (Projektkoordinatorin) und Theresa Frank (Beraterin) am Beispiel des Thüringer Projekts BLEIBdran+, das vom IBS – Institut für Berufsbildung und Sozialmanagement gGmbH getragen wird. Der Träger setzt jeweils ein Projekt im Rahmen von WIR und MY TURN um und verdeutlichte damit anschaulich mögliche Schnittstellen zwischen beiden Programmen.

Die Projektkoordinatorin betonte, dass diese Vernetzung insbesondere im Hinblick auf geflüchtete Familien von großer Bedeutung ist: "Bei einem familienorientierten Ansatz ist es von entscheidender Wichtigkeit, auch die anderen Familienmitglieder in die Beratung einzubeziehen." In der Praxis ermöglicht dies, (Ehe-)Partner und junge Erwachsene, die bei WIR schon ab 14 Jahren teilnehmen können, jeweils in dem Programm zu beraten, das ihren individuellen Bedarfen am besten entspricht. Mit diesen Fragestellungen beschäftigt sich auch die Arbeitsgruppe „Familie“, die Christiane Götze zusammen mit einer Kollegin moderiert. Aktuell werde auf dieser Grundlage ein Leitfaden für eine familienorientierte Beratung erarbeitet, der die gewonnenen Erfahrungen bündeln und für die Praxis nutzbar machen soll, berichtete die Projektkoordinatorin.

„BLEIBdran+“ verbindet strukturelle Maßnahmen wie Öffentlichkeitsarbeit, Schulungen für Behörden oder den Austausch mit Ausländerbehörden, Arbeitsverwaltung und Wirtschaft mit konkreten Angeboten für Teilnehmende, unter anderem Qualifizierungsangebote. Dazu zählen unter anderem Staplerkurse, MS-Office-Schulungen und Ausbildungsvorbereitungskurse. Der Beraterin Theresa Frank zufolge eröffne beispielsweise der einwöchige Staplerkurs einen schnellen Zugang in den Arbeitsmarkt. Bereits mit Deutschkenntnissen auf A2-Niveau sei er zu absolvieren und auch für Menschen mit Behinderung mitunter geeignet.

Zentral für die Arbeit des Projekts ist ein ganzheitlicher Beratungsansatz, der auf eine langfristige und möglichst bildungsadäquate Integration abzielt, erklärte die Beraterin. Da Teilnehmende auch ohne gesicherten Aufenthalt aufgenommen werden können, spielt die Aufenthaltssicherung durch Arbeit, Ausbildung oder Qualifizierung eine wichtige Rolle. Ergänzend unterstützt das Projekt bei der Suche nach passenden Sprachangeboten – eine Aufgabe, die angesichts gekürzter staatlicher Angebote zunehmend an Bedeutung gewinnt, so Theresa Frank.

In der anschließenden Diskussion brachten die Teilnehmenden ihr großes Interesse am WIR-Programm zum Ausdruck und richteten vielfältige Fragen zur praktischen Umsetzung und zum neuen Förderaufruf an die Referentinnen.

Fazit: Gemeinsam mehr erreichen – WIR und MY TURN im Dialog

Das Lunch & Learn zeigte eindrücklich, warum der Blick über das eigene Programm hinaus für die Arbeit in MY TURN so wertvoll ist. Das ESF-Programm WIR greift dort, wo MY TURN aufgrund seiner Zielgruppendefinition an Grenzen stößt, und schafft damit wichtige Anschlussmöglichkeiten etwa für Partner, Familienangehörige oder Teilnehmende mit unsicherem Aufenthaltsstatus oder mit Behinderung.

Gerade vor dem Hintergrund zunehmend komplexer Unterstützungsbedarfe bot der Austausch konkrete Anknüpfungspunkte für die MY TURN-Projekte: von familienorientierten Beratungsansätzen bis hin zu strukturellen Maßnahmen wie Schulungen und Netzwerkarbeit. Das Lunch & Learn machte damit deutlich, dass nachhaltige Arbeitsmarktintegration nicht isoliert gelingt, sondern vom Zusammenspiel unterschiedlicher Programme, Perspektiven und Fachlichkeit lebt – und dass genau hier ein zentraler Mehrwert für die tägliche Praxis in MY TURN liegt.

 

Weiterführende Links: 

Jetzt für den MY TURN-Newsletter anmelden!