Stark im Alltag – Wie MY TURN Frauen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützt
Die dritte Handreichung der Vernetzungsstelle MY TURN stellt Herausforderungen und Lösungsansätze aus der Praxis vor
Für Frauen mit Migrationserfahrung ist der Weg in Qualifizierung und Beschäftigung häufig eng mit der Frage verknüpft, wie sich familiäre Verantwortung und berufliche Perspektiven miteinander vereinbaren lassen. Im ESF Plus-Bundesprogramm „MY TURN – Frauen mit Migrationserfahrung starten durch“ zeigt sich dies besonders deutlich: Rund 85 Prozent der Teilnehmerinnen des Programms sind Mütter, davon ist ein Drittel alleinerziehend. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist somit keine Randfrage, sondern eine zentrale Voraussetzung für nachhaltige Bildungs- und Arbeitsmarktchancen.
Vor diesem Hintergrund ist die Beratung und Unterstützung bei Vereinbarkeitsfragen in allen MY TURN-Projekten als verpflichtendes Modul verankert. Die dritte Handreichung der Vernetzungsstelle MY TURN widmet sich diesem Themenfeld ausführlich und stellt zentrale Herausforderungen ebenso wie praxiserprobte Lösungsansätze der Projekte vor. Grundlagen sind eine Befragung der geförderten Projektträger, Fokusgruppen sowie vertiefende Interviews.
Die Erfahrungen aus der täglichen Arbeit der Projekte zeigen, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein komplexes Zusammenspiel aus strukturellen Rahmenbedingungen, individuellen Lebenslagen und familiären Aushandlungsprozessen ist. Dabei gibt es vier Themenfelder, die in der Beratung eine zentrale Rolle spielen.
Arbeitszeiten und Kinderbetreuung
Die größte Herausforderung liegt in der Abstimmung von Arbeits- oder Qualifizierungszeiten mit vorhandenen Betreuungsangeboten. Viele Teilnehmerinnen arbeiten oder qualifizieren sich in Bereichen mit unflexiblen oder atypischen Arbeitszeiten, während Betreuungsangebote häufig auf Kernzeiten ausgerichtet sind. Die MY TURN-Projekte unterstützen hier gezielt. Sie …
- …erleichtern den Zugang zur Kinderbetreuung, indem sie Betreuungsplätze vermitteln und bei der Beantragung sowie beim Anmeldeprozess unterstützen. Dafür haben einige Projekte eine „Lotsenstelle Kinderbetreuung“ eingerichtet.
- …initiieren die Anpassung von Betreuungszeiten, indem sie sich bei Betreuungseinrichtungen für die Erweiterung der Betreuung in Randzeiten einsetzen.
- …sensibilisieren Arbeitgeber in konstruktiver und vorausschauender Weise, welche Anforderungen an zeitliche Verfügbarkeiten der Frauen realistisch sind und welche Potentiale eine Berücksichtigung der Rahmenbedingungen bietet.
Orientierung im System und Kenntnis von Rechten
Ein wiederkehrendes Thema ist der fehlende Überblick über rechtliche Ansprüche, finanzielle Leistungen und institutionelle Zuständigkeiten. Sprachliche Hürden, komplexe Verwaltungsstrukturen und teils negative Vorerfahrungen mit Behörden erschweren den Zugang zu Leistungen zusätzlich. Die Projekte setzen hier auf transparente und niedrigschwellige Wissensvermittlung und Unterstützung. Sie …
- …erstellen zielgruppenadäquates Informationsmaterial, welches Sprach- und Bürokratiehürden überwindet.
- …informieren in Einzel- und Gruppenangeboten über Rechte und Unterstützungsmöglichkeiten und begleiten die Kontaktaufnahme mit Behörden.
- …leisten Hilfe bei Antragsstellungen und unterstützen bspw. beim Ausfüllen von Formularen.
Rollenbilder und familiäre Erwartungen
In vielen Familien treffen unterschiedliche Vorstellungen von Erwerbs- und Sorgearbeit aufeinander – geprägt durch gesellschaftliche Normen, kulturelle Erfahrungen und individuelle Lebensrealitäten. Die Projekte erleben sowohl äußere Widerstände aus dem familiären Umfeld als auch innere Konflikte der Frauen selbst. Um dieses Spannungsfeld konstruktiv zu reflektieren, …
- …arbeiten die Projekte mit Role-Models und Peer-to-Peer Ansätzen, was Vertrauen und Mut stiftet.
- …schaffen die Projekte geschützte Reflexionsräume in Form von kreativen (Workshop-)Formaten zu Themen wie Rollenbildern, Achtsamkeit oder Selbstbeobachtung.
- …beziehen die Projekte auch die Partner*innen niedrigschwellige Angebote ein, z.B. in Infoveranstaltungen zur Kindergesundheit, um für das Thema Care-Arbeit als gemeinsame Aufgabe zu sensibilisieren.
Mehrfachbelastung und psychosozialer Druck
Die gleichzeitige Verantwortung für Familie, Integration und berufliche Orientierung und Entwicklung führt bei vielen Teilnehmerinnen zu einer hohen Belastung. Hinzu kommen häufig fehlende soziale Netzwerke vor Ort oder belastende Flucht- und Migrationserfahrungen. Die MY TURN-Projekte begegnen dem mit einem ganzheitlichen Blick und vielfältigen Angeboten. Sie …
- …organisieren offene und informelle Austauschtreffen wie etwa „Sprach- und Frauencafés“ oder „Netzwerkfrühstücke“, um den Austausch und die gegenseitige Unterstützung der Teilnehmerinnen zu fördern.
- …bieten Zeit- und Stressmanagementformate an, in denen die Frauen Strategien zur Stressbewältigung erlernen und ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von Zeit für sich selbst entwickeln können.
- …vermitteln die Frauen in professionelle Hilfesysteme, wie etwa in psychosoziale Beratungsstellen der jeweiligen Stadt.
Vereinbarkeit mit MY TURN – praxisnah, individuell und vernetzt
Die MY TURN-Projekte begegnen den Herausforderungen rund um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit einem stark integrativen und ganzheitlichen Ansatz, welcher strukturelle, kulturelle und individuelle Faktoren berücksichtigt. Sie leisten Aufklärungsarbeit, vermitteln in passgenaue Betreuungs- und Hilfesysteme, sensibilisieren Arbeitgeber für flexible Lösungen, schaffen Räume zur Reflexion und stärken die Resilienz der Frauen durch gezielte Empowerment-Angebote. Dabei agieren die Projekte auch als Schnittstelle zwischen Teilnehmerinnen, Betreuungseinrichtungen, Arbeitgebern und Unterstützungsstrukturen vor Ort.
Die in der Handreichung aufbereiteten Erkenntnisse machen deutlich: Erfolgreiche Vereinbarkeit entsteht dort, wo strukturelle Hürden abgebaut, Wissen zugänglich gemacht, Rollenbilder reflektiert und Frauen in ihrer Selbstwirksamkeit gestärkt werden. Die MY TURN-Projekte leisten hierzu einen wichtigen Beitrag – nicht nur für die individuelle Integration der Teilnehmerinnen, sondern auch im Sinne einer nachhaltigen, chancengerechten Arbeitsmarktpolitik.
Die Handreichung mit weiteren Analysen, Praxisbeispielen und Anregungen steht ab sofort hier zum Download bereit.
