MY TURN - Frauen mit Migrationserfahrung starten durch

31. Lunch & Learn der Vernetzungsstelle MY TURN

Vom Netzwerk in den Job

Wie Tent Deutschland geflüchtete Menschen und Unternehmen zusammenbringt

Es gibt eine Stellenanzeige, die Anisa Rudaj sofort in den Sinn kommt. Lagerarbeit, keine Vorkenntnisse notwendig, Schichtdienst. So weit, so gut. Doch am Ende steht die Anforderung für Deutschkenntnisse auf Niveau C1. 

Anisa Rudaj ist Partnerships Managerin bei Tent Deutschland, dem nationalen Bündnis einer internationalen gemeinnützigen Organisation, die seit 2016 in Zusammenarbeit mit großen Arbeitgebern geflüchtete Menschen auf ihrem Weg in die Arbeitswelt unterstützt. Rudaj verbringt einen Großteil ihrer Arbeitszeit damit, mit Personalabteilungen unter anderem auch über solche Anzeigen zu reden und zu hinterfragen, ob die Anforderungen realistisch und wirklich notwendig sind, und nach gemeinsamen Lösungen zu suchen.

Ein Netzwerk, zwei Wege

Die „Tent Partnership for Refugees“ wurde 2016 in den USA von Hamdi Ulukaya, einem kurdisch-türkischer Einwanderer und Gründer des US-Lebensmittelunternehmens Chobani, gegründet. Mit der Überzeugung, dass der Privatsektor einen wesentlichen Beitrag zu einem der wichtigsten Meilensteine auf dem Integrationsweg geflüchteter Menschen leisten kann, nämlich eine Anstellung zu bekommen, hat er Tent ins Leben gerufen.

„Tent Deutschland“ zählt bereits 80 Mitgliedsunternehmen – Marriott International, Deutsche Bahn, EDEKA, DHL, unter anderen. Beim 31. Lunch & Learn der Vernetzungsstelle MY TURN stellte das Tent Deutschland-Team vor, wie das in der Praxis aussieht – inklusive zwei konkreter Ansätze, geflüchtete Menschen bei der Arbeitsmarktintegration zu begleiten.

Der erste ist direkt: Einstellungsinitiativen, bei denen Tent ins Gespräch mit Mitgliedsunternehmen geht und mit deren Personalabteilungen zusammenarbeitet. Dieser Ansatz zielt auf die Entwicklung oder Ausweitung von Programmen in den Unternehmen zur Einstellung von Menschen mit Fluchthintergrund, die Organisation von Recruiting-Events und Jobmessen mit Tent sowie die gemeinsame Etablierung bewährter Praktiken für die Einstellung und Integration am Arbeitsplatz ab. In diesem Zusammenhang unterstützt Tent Unternehmen dabei, ihre Stellenanzeigen zu vereinfachen und ihr Angebot von ausschließlich Online-Bewerbungsportalen auf persönliche Formate wie zum Beispiel Betriebsbesichtigungen in kleinen Gruppen auszuweiten. „Menschen mit Fluchterfahrung fallen bei Online-Bewerbungen häufig durchs Raster, weil ihre Lebensläufe Lücken aufweisen oder ihre Berufserfahrung nicht in klassische deutsche Bewerbungsstandards passt", erklärt Anisa Rudaj. Auch exklusive Bewerber*innentage für geflüchtete Menschen bei neu zu eröffnenden Filialen eines Mitgliedsunternehmens gehören ins Portfolio von Tent Deutschland. So kam beispielsweise auch die Zusammenarbeit mit dem MY TURN-Projekt ASAMi aus Magdeburg zustande.

Der zweite Weg führt Frauen mit Fluchterfahrung indirekt in Arbeit, ist persönlicher und dauert bis zu sechs Monate.

Sechs Treffen, die etwas verändern können

Neben den Einstellungsinitiativen betreibt Tent seit 2021 in sieben europäischen Ländern ein Mentoring-Programm speziell für geflüchtete Frauen. Seitdem haben am Programm knapp 4.000 Frauen teilgenommen, in Deutschland bereits über 280. 

Geflüchtete Frauen, die sich als Mentees anmelden, haben meist Berufserfahrung und mehr als 80 Prozent der Programmteilnehmerinnen in den letzten zwei Jahren hatten einen Bachelor- oder höheren Abschluss. Es sind Juristinnen, Ingenieurinnen, Finanzfachfrauen. Frauen, die in ihren Herkunftsländern jahrelang in ihrem Beruf gearbeitet haben und nun feststellen müssen, dass der deutsche Arbeitsmarkt eigenen Regeln und Logiken folgt. Logiken, die nirgendwo aufgeschrieben stehen, die sie aber kennen müssen, um weiterzukommen. „Es geht nicht nur darum, eingestellt zu werden", sagt Lauren Kanady, Kommunikations- und Partnerschaftsspezialistin bei Tent Deutschland, die das Mentoring-Programm bundesweit koordiniert. „Sondern darum, dass jemand zur Seite steht."

Die Mentor*innen sind Angestellte aus einem der Mitgliedsunternehmen, oft aus der Zielbranche der Programmteilnehmerin, und kennen den deutschen Arbeitsmarkt. Sechs Treffen über vier bis sechs Monate, je etwa eine Stunde lang. Mentor*innen unterstützen die Mentees beim Anpassen des Lebenslaufs, üben mit ihnen Vorstellungsgespräche, erklären ihnen den deutschen Arbeitsmarkt sowie lokale Umgangsformen und helfen ihnen dabei, eigene Netzwerke aufzubauen. Und manchmal, so Kanady, gehe es auch darum, eine Person zu haben, die einfach nur zuhört und sagt: Das schaffst du.

Und im besten Fall: ein neues Netzwerk, das sie unterstützt und ihnen letztendlich dabei hilft, einen Arbeitsplatz zu finden.

Die Teilnahme am Programm ist kostenlos. Die nächste Mentoring-Runde beginnt im September.

Sprache lernen, während man arbeitet

Zurück zur Stellenanzeige. Zurück zu C1. Denn das Thema Sprache zieht sich durch. Sie ist die meistgenannte Hürde bei Unternehmen, Jobcentern und bei den Frauen selbst. Viele Mitgliedsunternehmen von Tent haben daher längst begonnen, selbst Lösungen für den Spracherwerb zu entwickeln.

Manche Unternehmen haben Arbeitsanweisungen in viele Sprachen übersetzen lassen und hängen sie im Betrieb aus. Ein Hotel am Frankfurter Flughafen organisierte beispielsweise Sprachunterricht direkt vor Ort, zweimal pro Woche, während der Arbeitszeit – kein Sprachkurs an einer Volkshochschule, kein Feierabendkurs nach einer Acht-Stunden-Schicht. Andere setzen auf Sprach-Apps, die Mitarbeitende eigenständig nutzen können. Wieder andere stellen ihren Beschäftigten ein Bildungsguthaben zur Verfügung, das, wie sich herausgestellt hat, überwiegend für Sprachkurse verwendet wird. 

„Das sind Lösungen, die aus der Praxis kommen", sagt Kanady. „Was bei einem Unternehmen funktioniert, geben wir weiter."

Die vorgestellten Initiativen und Angebote von Tent stießen bei den teilnehmenden MY TURN-Projekten auf großes Interesse. Denn die Praxis zeigt, dass es nicht immer einfach ist, Unternehmen gezielt anzusprechen und einzubinden, besonders im ländlichen Raum. Tent kann hier eine wertvolle Brücke schlagen und den Zugang zur Privatwirtschaft erleichtern. Dabei muss nicht erst eine offene Stelle vorhanden sein: Die gemeinnützige Organisation arbeitet auch vorausschauend und baut Kontakte auf, bereitet Frauen vor, sodass sie bereit sind, wenn Unternehmen tatsächlich einstellen.

Unsere Erkenntnisse aus dem 31. Lunch & Learn

Für MY TURN-Projekte kann Tent Deutschland eine sinnvolle Erweiterung des eigenen Angebots bieten. Wer im Projekt hochqualifizierte Frauen begleitet, die sich im deutschen Arbeitsmarkt noch nicht auskennen, kann sie gezielt für das Mentoring-Programm vorschlagen. Wer niedrigschwellige Beschäftigungsmöglichkeiten für gering qualifizierte Teilnehmerinnen sucht, findet in Tent eine Organisation mit Kontakten zu Unternehmen in der eigenen Region. Die Mitgliedschaft bei Tent Deutschland ist kostenfrei. 

 

Weiterführende Links:

Website von Tent Deutschland 

Jetzt für den MY TURN-Newsletter anmelden!