MY TURN - Frauen mit Migrationserfahrung starten durch

Erfolge feiern und Zukunft gestalten: die MY TURN-Programmveranstaltung in Berlin

Zwei Tage lang tauschten sich die MY TURN-Projekte darüber aus, was die Arbeitsmarktintegration von Frauen mit Migrationserfahrung erfolgreich macht, und wie sich darauf in den kommenden Jahren aufbauen lässt.

Am 28. und 29. September 2026 kamen im Konferenzzentrum in der Berliner Mauerstraße rund 200 Teilnehmer*innen zur großen Programmveranstaltung der zweiten Förderphase des ESF-Plus-Bundesprogramms „MY TURN – Frauen mit Migrationserfahrung starten durch" zusammen. Vertreten waren fast alle 59 MY TURN-Projekte, dazu Gäste aus Arbeitsverwaltung, Wissenschaft und Partnerorganisationen.

Im Mittelpunkt der zweitägigen Veranstaltung standen die Erfahrungen aus der Praxis der ersten Förderphase (2022-2025) sowie Impulse für die weitere Programmumsetzung. Erfolge und Erfolgsfaktoren bei der Beratung sowie bei der Begleitung der Teilnehmerinnen in Qualifizierung, Arbeit oder (Teilzeit-)Ausbildung waren ebenso wichtige Themen wie die damit verbundenen Herausforderungen.

Potenziale sichtbar machen

Eröffnet wurde die Veranstaltung von Leonie Gebers, Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS). In ihrem Grußwort machte sie deutlich, welches Potenzial Frauen mit Migrationserfahrung für den Arbeitsmarkt mitbringen, und wie MY TURN es durch dessen ganzheitliche und passgenaue Begleitung sichtbar macht und ihnen neue Wege eröffnet. Sie betonte: „Frauen mit Migrationserfahrung bringen viel Potenzial für den Arbeitsmarkt mit – auch wenn dies zum Teil noch freigelegt werden muss. MY TURN zeigt, wie dies durch eine zielgerichtete und bedarfsorientierte Förderung gelingen kann und verbindet damit erfolgreich Arbeitsmarkt-, Gleichstellungs- und Integrationspolitik."

Den inhaltlichen Auftakt der Veranstaltung bildete der wissenschaftliche Impulsvortrag von Prof. Dr. Magdalena Nowicka, Abteilungsleiterin Integration am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Sie zeigte, dass zugewanderte Frauen viele Kompetenzen und Erfahrungen mitbringen, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt bislang zu oft ungenutzt bleiben. Ihre Motivation sei hoch, doch strukturelle Hürden wie fehlende Kinderbetreuung, langwierige Anerkennungsverfahren und Mehrfachdiskriminierung stünden dem Einstieg noch zu oft im Weg. Zugleich betonte sie, wie unterschiedlich die Lebenswege und Voraussetzungen der Frauen sind.

Von der eigenen Erfolgsgeschichte zum großen Bild

Im anschließenden Podiumsgespräch, moderiert von Dr. Julia Kropf, wurden die wissenschaftlichen Erkenntnisse mit den konkreten Erfahrungen aus der MY TURN-Praxis zusammengebracht. Dabei trafen unterschiedliche Perspektiven auf die Frage nach gesellschaftlicher Teilhabe und Arbeitsmarktintegration aufeinander. Vertreten waren die Politik durch Staatssekretärin Leonie Gebers, die Projektpraxis durch Aurora Meyring, Projektleiterin von „START – Selbstbestimmte Teilhabe auf dem Arbeitsmarkt" (Hannover), die Arbeitsverwaltung durch Stefanie Knoll, Teamleiterin im Jobcenter Lübeck, und das Programmmonitoring durch Dr. Silke Kriwoluzky von SÖSTRA, dem Teilvorhabenpartner der Vernetzungsstelle MY TURN.

Besonderes Gewicht bekam die Runde durch die Stimmen der Programmteilnehmerinnen selbst. Krystyna Postanovska von START Hannover schilderte in einem persönlichen Beitrag, welche Rolle MY TURN auf ihrem Weg seit der Ankunft in Deutschland gespielt hat. Aus der ersten Reihe teilten Olesia Niemova (ehemalige Teilnehmerin des Projekts Merva, Stuttgart) und Saeideh Bahadoran (Teilnehmerin des Berliner Projekts „Dein Plan für die Zukunft“) ihre Erfahrungen. Ihre Geschichten zeigten, wie viel die Projekte im Leben der Frauen bewegen, beruflich wie persönlich.

Das Gespräch machte deutlich, worin die Wirkung von MY TURN liegt: in individueller Begleitung, Empowerment-Angeboten und einer engen Zusammenarbeit zwischen Projekten, Arbeitsverwaltung und Unternehmen. Stefanie Knoll beschrieb aus Sicht der Arbeitsverwaltung, warum Jobcenter und Projektträger gemeinsam mehr erreichen als allein.

Wie tragfähig der MY TURN-Ansatz ist, zeigen auch die Zahlen aus dem Programmmonitoring: Rund 35.000 Frauen nahmen bislang an MY TURN teil. Von denen, die ihre Teilnahme am Programm bereits abgeschlossen haben, war knapp die Hälfte im Anschluss in Arbeit, Ausbildung oder Qualifizierung. Von den neu aufgenommenen Beschäftigungsverhältnissen sind knapp 80 Prozent sozialversicherungspflichtig. Ebenso offen sprach die Runde aber auch über die Herausforderungen, die es gibt. Sie liegen unter anderem in langwierigen Anerkennungsverfahren, in teilweise fehlender Kinderbetreuung, in Fragen der Mobilität und in Diskriminierungserfahrungen der Programmteilnehmerinnen.

Wissen teilen, Netzwerke stärken: die Fachforen

Am Nachmittag boten vier Fachforen den Teilnehmenden die Möglichkeit, voneinander zu lernen, Beispiele guter Praxis aus MY TURN -Projekten kennenzulernen, Erfahrungen auszutauschen und sich neues Wissen anzueignen.

  • Empowerment ist ein Herzstück von MY TURN. Was Selbstermächtigung konkret leisten kann und muss, damit Frauen mit Migrationserfahrung gut vorbereitet in den Arbeitsmarkt starten, stand im Mittelpunkt des Fachforums. An vier Thementischen zeigte sich, wie facettenreich Empowerment in den Projekten ausgestaltet wird. Diskutiert wurde zu den Themen „Sprachpraxis“, „Digitale und arbeitsweltbezogene Grundbildung“, „Stärken, Selbstwirksamkeit und Gesundheit“ sowie „Vernetzung, Teilhabe und Peer-Learning“.

    Eine zentrale Erkenntnis: Empowerment zeigt oft schon Wirkung, lange bevor der Übergang in Qualifizierung, Ausbildung oder Arbeit gelingt. Wenn eine Teilnehmerin nach einem Bewerbungsgespräch neues Selbstvertrauen entwickelt, sind das wichtige Schritte, die sich mit klassischen Ergebnisindikatoren nur schwer erfassen lassen. Gerade in dieser Vielfalt liegt eine Stärke von MY TURN: Die Projekte richten Empowerment-Angebote passgenau auf die Bedarfe ihrer Teilnehmerinnen und die Gegebenheiten vor Ort aus.
     

  • Wie können MY TURN-Projekte erfolgreich mit Arbeitgebenden zusammenarbeiten, und welche Ansätze funktionieren in der Praxis? Im Fachforum „Bewährte Konzepte für die Zusammenarbeit mit Arbeitgebenden“ standen konkrete Erfahrungen aus den Projekten im Mittelpunkt. In drei Durchläufen wurden zwölf Praxisbeispiele vorgestellt, von denen die Teilnehmenden jeweils drei kennenlernen und gemeinsam diskutieren konnten.

    Auch wenn die Zusammenarbeit mit Arbeitgebenden als Modul ein fester Programmbestandteil ist und die Projekte damit vertraut sind, nahmen die Teilnehmenden aus den Einblicken neue Ansätze und Impulse mit. Dazu gehörte, den Blick über die bekannten Partner hinaus zu weiten, gezielt nach regionalen Arbeitgebenden zu suchen, die sich sozial engagieren, und auch einen zweiten Anlauf zu wagen, wenn der erste nicht gleich gelingt. Oft ist es nur eine kleine Stellschraube, die ein Format zum Erfolg führt. Eine wichtige Erkenntnis: Dranbleiben lohnt sich.
     

  • Hinter jeder Teilnehmerin steht eine Geschichte von Mut, Entwicklung und neuen Perspektiven. Wie sich diese Geschichten so erzählen lassen, dass sie die Wirkung der Projektarbeit sichtbar machen, stand im Zentrum des Fachforums. Den fachlichen Impuls gab Storytelling-Strategin Kira Fecher. Sie führte in die Grundprinzipien wirkungsvoller Geschichten ein und stellte mit dem Story-Haus und der Heldinnenreise zwei Methoden vor, mit denen sich Erfolgsgeschichten strukturiert entwickeln lassen. Anhand von Beispielen aus der MY TURN-Praxis wurde greifbar, wie aus einzelnen Entwicklungswegen überzeugende und authentische Narrative werden. Kurze interaktive Elemente luden dazu ein, das Gehörte direkt auf die eigene Projektarbeit zu übertragen. Denn nach über drei Jahren verfügen die Projekte über einen großen Schatz an Geschichten, dessen Potenzial für die Öffentlichkeitsarbeit noch längst nicht ausgeschöpft ist.

  • Das gesellschaftliche Klima verschärft sich zunehmend und das bekommen vor allem die Teilnehmerinnen der MY TURN-Projekte zu spüren. Häufig überlagern sich rassistische und geschlechtsspezifische Benachteiligungen bei geflüchteten Frauen zusätzlich, etwa beim Zugang zu Arbeit oder im Kontakt mit Behörden. Häufig sprechen Teilnehmerinnen solche Erfahrungen zum ersten Mal in der Beratung an, meist beiläufig oder ohne sie selbst als Diskriminierung zu benennen. Genau hier setzte das Fachforum an, das vom Antidiskriminierungsverband Deutschland (advd) e.V. durchgeführt wurde.

    Franziska Schwantuschke und Felix König von der advd-Akademie zeigten auf, wie Berater*innen sicher und professionell auf Diskriminierungserfahrungen der Teilnehmerinnen reagieren können. Dabei ging es zunächst um die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle und den damit verbundenen Privilegien beziehungsweise Marginalisierungen. Anhand eines Praxisbeispiels, das in Kleingruppen diskutiert wurde, wurde die Komplexität solcher Gesprächssituationen deutlich und gemeinsam erarbeitet, worauf es in der Beratung zu achten gilt. Ein besonderes Anliegen der Referent*innen war es, den Berate*rinnen Orientierung für die eigenen Zuständigkeiten zu geben: Wo liegen die Grenzen des eigenen Aufgabenbereichs und an wen können oder sollten Teilnehmerinnen wann und wie bestmöglich weiterverwiesen werden? Hierfür wurde ein Handout mit Hinweisen auf entsprechende Unterstützungs- und Verweisstrukturen im Anschluss bereitgestellt.
     

Den Abend des ersten Tages ließen die Teilnehmenden beim Get-Together ausklingen und nutzten die lockere Atmosphäre für den weiteren Austausch untereinander und zur Vernetzung.

Blick nach vorn

Der zweite Tag begann mit einem Gespräch mit Natalie Pawlik, Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und zugleich Beauftragte der Bundesregierung für Antirassismus.

Nach einer weiteren Runde der Fachforen hieß es, gemeinsam zurückzublicken und den Blick nach vorne zu richten. In der Abschlussdiskussion bündelten drei Projektleitungen ihre Eindrücke und Erkenntnisse: Johanna Elle (FRESH), Lisa Zink (MERVA) und Frank Nordheim (DIGI TURN). Im Gespräch mit Dr. Gunilla Fincke, Leiterin der Abteilung Fachkräftesicherung im BMAS, fassten sie zusammen, was für die weitere MY TURN-Arbeit und über das Programm hinaus wichtig ist, damit die Arbeitsmarktintegration von Frauen mit Migrationserfahrung gelingt.

Zum Schluss dankte Frau Dr. Fincke den Projekten und richtete den Blick nach vorne: auf die kommenden Jahre als Chance, weiterhin einen bedeutenden Beitrag zur Arbeitsmarktintegration zugewanderter Frauen zu leisten. Und darauf, sichtbar zu machen, was Frauen mit Migrationserfahrung mit- und einbringen, wenn sie die passende Unterstützung erhalten.
 

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