Für viele Frauen mit Migrationserfahrung ist die Kinderbetreuung nicht nur eine Frage der Organisation. Sie ist vielmehr die Voraussetzung für alle weiteren Schritte auf dem Weg in den Arbeitsmarkt. Denn ohne eine verlässliche Betreuung können Mütter von kleinen Kindern keinen Sprachkurs belegen, an keiner Qualifizierung teilnehmen und keine Arbeit aufnehmen. Wer einen Betreuungsplatz sucht, trifft jedoch häufig auf ein System aus institutionellen Zuständigkeiten, knappen Betreuungskapazitäten und Meldefristen, das sich kaum an der Lebensrealität berufstätiger Mütter orientiert.
Kinderbetreuung spielt in der Beratungsarbeit von MY TURN-Projekten daher eine wichtige Rolle. Die große Mehrheit der Frauen, die am Programm teilnehmen, hat Kinder. Wie die dritte Handreichung der Vernetzungsstelle MY TURN zum Thema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ zeigt, hatten in der ersten Förderphase von 2022 bis Ende 2025 rund 85 Prozent der Teilnehmerinnen mindestens ein Kind, etwa ein Drittel war alleinerziehend.
Das ESF Plus-Bundesprogramm MY TURN begegnet dieser Herausforderung mit einem eigenen Angebot: dem Wahlmodul „Lotsenstelle Kinderbetreuung". Die Unterstützung bei der Suche nach Betreuungsplätzen gehört dabei grundsätzlich zum Angebot aller MY TURN-Projekte, denn gesicherte Kinderbetreuung ist die Grundlage dafür, dass Mütter am Programm teilnehmen und in den Beruf einsteigen können. Aktuell setzen rund 20 Projekte das Wahlmodul um. Das heißt, sie richten eine spezialisierte Stelle ein, die Mütter bei der Suche und Inanspruchnahme von Kinderbetreuung begleitet und dafür mit Jugendämtern und anderen Akteuren vor Ort kooperiert.
Es geht um mehr als nur Betreuungsplatzsuche
Wie diese gezielte Unterstützung in der Praxis aussieht, zeigt das Projekt „MY TURN. MY CAREER. Frauen mit Migrationserfahrung: Potenziale für den Arbeitsmarkt" in der Region Dortmund/Kreis Unna/Hamm. Dort ist Isabella Rozok Quiring als Lotsin für Kinderbetreuung tätig, mit zwei Jahrzehnten sozialpädagogischer Erfahrung. Ihr Blick geht von Anfang an über die reine Platzvermittlung hinaus.
„Es ist sehr wichtig, nach Möglichkeit einen Platz zu finden, bei dem nicht nur Lage und Betreuungszeiten passen, sondern auch das pädagogische Konzept", erklärt Rozok Quiring. Institutionell beginne hier der Bildungsweg der Kinder. Diese Perspektive, Kinderbetreuung als Bildungseinstieg und nicht nur als Vereinbarkeitsthema, durchzieht die gesamte Arbeit der Sozialpädagogin. Daher organisiert sie auch Informationsveranstaltungen zu Erziehungsthemen, zum deutschen Bildungssystem und zur Erwachsenenbildung. Ziel ist es, die Teilnehmerinnen in ihrer elterlichen Rolle zu stärken und ihnen Orientierung zu geben, die über die reine Betreuungsthematik hinausgeht.
Komplexe Fälle, keine Standardlösungen
Eine der strukturellen Schwierigkeiten, die Isabella Rozok Quiring täglich erlebt, sind die Anmeldefristen von Bildungseinrichtungen: Oft werden die Plätze einmal jährlich vergeben, oft gebunden an das Schuljahr. Wer zu einem anderen Zeitpunkt eine Beschäftigung aufnehmen möchte und einen Betreuungsplatz benötigt, hat kurzfristig kaum Chancen. Weitere Herausforderungen sind Arbeiten im Schichtdienst oder Einsätze am Wochenende – alles Arbeitszeitmodelle, die reguläre Betreuungszeiten schlicht nicht abdecken.
Rozok Quiring kann das mit einem Beispiel aus ihrer Arbeit veranschaulichen: Eine Teilnehmerin möchte eine Pflegeausbildung aufnehmen und hat zwei kleine Töchter. Die Ausbildungszeiten richten sich nicht nach dem Kindergarten- bzw. Schuljahr, Wochenendeinsätze und Schichtdienst gehören zur Ausbildung. Eine Standardlösung gab es hier nicht. Stattdessen mussten Jugendamt, Kindertagespflege, Kindergarten, Schule und der Ausbildungsbetrieb koordiniert und die Lösung immer wieder neu angepasst werden.
„Das bedeutet, dass ich in solchen Fällen nicht nur mit den Einrichtungen und Trägern zu tun habe, sondern auch mit dem Ausbildungsbetrieb der Teilnehmerin", sagt Rozok Quiring. Das wäre für die Teilnehmerin alleine kaum zu schaffen. Solche Arrangements seien je nach Kommune unterschiedlich organisiert, häufig schwer umsetzbar und die Finanzierung oft nicht gesichert. Für Kinderbetreuung in Randzeiten und am Wochenende nennt Rozok Quiring das Dortmunder Projekt „Eulen und Lerchen" als ein nachahmenswertes Modell. Es arbeitet mit pädagogisch geschulten Ehrenamtlichen unter Aufsicht des Mütterzentrums, finanziert von Arbeitgebern und nicht vom Jugendamt.
Lotsenstelle als Teamaufgabe
Die Lotsenstelle steht nicht für sich allein. Sie ist Teil der gemeinsamen Beratungsarbeit im Projekt. Rozok Quiring wird von den Beraterinnen einbezogen, sobald eine Teilnehmerin mit Kindern ins Programm aufgenommen wird. Bei komplexeren Fällen - etwa bei Kindern mit einem zusätzlichen Förderbedarf oder wenn die familiäre Situation besondere Herausforderungen mitbringt - wird sie um eine Einschätzung der Gesamtsituation gebeten. Gemeinsam schauen die Kolleginnen dann, welche Unterstützungsangebote hinzugezogen werden können, je nach familiärem Setting. „Damit die Teilnehmerin die Ruhe bekommt, die sie braucht, um sich selbst zu entwickeln und voranzukommen", wie Rozok Quiring es formuliert.
Komplex wird es, wenn mehrere Kinder zu betreuen sind, der Arbeitsplatz weit entfernt liegt oder Betreuungs- und Arbeitszeiten schlicht nicht zusammenpassen. Dann müssen nicht nur verschiedene Einrichtungen und Träger koordiniert, sondern mitunter mehrere Betreuungsmodelle kombiniert werden. Das Wohl der Kinder steht dabei immer im Vordergrund.
Die Auseinandersetzung mit Rollenbildern als Teil der Beratungsarbeit
Wichtige Themenfelder in der Arbeit der MY TURN-Projekte sind auch die Auswirkungen von Rollenverteilung und -verständnis in der Familie. Die Ergebnisse einer Trägerbefragung zum Thema zeigen, dass tradierte Rollenbilder in der Beratungsarbeit eine zentrale Rolle spielen.
Rozok Quiring erkennt das auch in ihrer täglichen Arbeit. „Die Frau und ihr Kind, die ganze Familie, begeben sich gemeinsam in eine Lernsituation, in eine Entwicklungsphase", erklärt die Sozialpädagogin. Fragen der Vereinbarkeit beträfen nicht nur die Frauen selbst, sondern das gesamte familiäre Umfeld, einschließlich der Partner. In dieser Reflexion liege auch eine Chance für Selbstwirksamkeit und Selbstermächtigung, so die Lotsin.
Eine weitere Herausforderung benennt Rozok Quiring offen: Teilnehmerinnen sagen oft, sie bräuchten aktuell noch keine Betreuung, sondern erst, wenn sie Arbeit hätten. „Diese Sensibilität zu vermitteln", also das vorausschauende Handeln, „ist auch nicht einfach."
Netzwerke als Arbeitsgrundlage
Für das Projektgebiet, das Dortmund, den Kreis Unna und Hamm umfasst, sind Netzwerke eine sehr wichtige Voraussetzung. Rozok Quiring hat in allen drei Kommunen Kontakte zu Jugendämtern, Beauftragten für Chancengleichheit der Bundesagentur für Arbeit und der Jobcenter sowie zu Trägern aufgebaut. Die Strukturen und Zuständigkeiten unterscheiden sich dabei von Kommune zu Kommune deutlich.
Aus dem regelmäßigen Austausch seien inzwischen eigene Angebote entstanden, etwa ein gemeinsames Fortbildungsformat für Arbeitsvermittler*innen im Kreis Unna zu Betreuungsthemen und Vereinbarkeit. Die Lotsenstelle entwickelt sich so zu einer Schnittstelle in die kommunale Unterstützungslandschaft für Familien.
Doch das übergeordnete Ziel bleibt dabei ganz klar: nicht nur Betreuungsplätze organisieren, sondern Bedingungen schaffen, unter denen Kinder gut aufwachsen und Frauen beruflich vorankommen können. Für die Sozialpädagogin gehört beides zusammen: die Absicherung der Betreuung und der Blick auf das Kind dahinter. Ihr Anspruch ist es, junge Menschen dabei zu begleiten, „mit Freude und Neugier die Welt zu erschließen." Und dieses Bild trägt sie in ihre Arbeit als Lotsin.
Dieser Artikel basiert auf dem Gespräch von Isabella Rozok Quiring und Çiler Fırtına, Projektleiterin von “My Turn. My Career. Frauen mit Migrationserfahrung. Potenziale für den Arbeitsmarkt.“ Das komplette Interview können Sie hier lesen.
Mehr zum Projekt erfahren Sie im Projektsteckbrief MY TURN. MY CAREER.