MY TURN - Frauen mit Migrationserfahrung starten durch

Tag der Jobcenter 2026: Aufwärtsmobilität im Fokus

Rund 900 Fachkräfte, überwiegend aus den mehr als 400 Jobcentern in ganz Deutschland, kamen am 5. Mai in Berlin zum Tag der Jobcenter zusammen, um über die Zukunft der Arbeitsmarktintegration zu diskutieren. Im Mittelpunkt standen zwei zentrale Reformvorhaben: die Neuregelungen im SGB II zum 1. Juli 2026 und die Sozialstaatsreform. Auch in diesem Jahr brachte MY TURN sich inhaltlich in die Fachveranstaltung ein. Für das ESF Plus-Bundesprogramm war besonders der Workshop „Aufwärtsmobilität stärken – Potenziale gezielt entwickeln" relevant, in dem es unter anderem um Aufstiegsqualifizierung von Frauen mit Migrationserfahrung ging.

Neue Balance zwischen Fördern und Fordern

Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas betonte in ihrem Grußwort die zentrale Rolle der Jobcenter für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Mit der Reform der Grundsicherung wolle die Bundesregierung die Vermittlung in Arbeit weiter stärken. Die Ministerin unterstrich, dass es bei den Reformen um Gerechtigkeit gehe und würdigte die Leistung der Jobcenter.

Die anstehenden Neuregelungen wurden in einer Podiumsdiskussion im Anschluss an die Rede der Arbeitsministerin begrüßt. Tanja Schmidt, Vorständin des Jobcenters Kreis Steinfurt und eine der Diskutant*innen, machte jedoch deutlich: „Es braucht Beziehungsarbeit mit den Kundinnen und Kunden und eine Beratung auf Augenhöhe." Schmidt forderte zudem: „Auch bei zunehmender Digitalisierung braucht es weiterhin analoge Zugänge, damit keine Barrieren entstehen." Eine Botschaft, die gerade für Menschen mit Migrationserfahrung wichtig ist.

Für MY TURN-Teilnehmerinnen ist besonders die Neugestaltung des §10 SGB II relevant: Erziehende werden   zukünftig bereits ab dem vollendeten ersten Lebensjahr des jüngsten Kindes proaktiv beraten zu den Wiedereinstiegsmöglichkeiten in den Arbeitsmarkt, bisher galt dies erst ab dem dritten Lebensjahr. Das umfasst vor allem die Beratung zur aktiven Suche nach einem Kinderbetreuungsplatz, zur Teilnahme an einem Sprachkurs und die verbindliche Teilnahme an Informations- und Orientierungsberatungen, bei Vorliegen der Voraussetzungen auch Unterstützung beim direkten Einstieg in den Arbeitsmarkt.

Der Bruch nach der Arbeitsaufnahme

Der Workshop „Aufwärtsmobilität stärken – Potenziale gezielt entwickeln", bei dem auch MY TURN mit einem Thementisch vertreten war, rückte ein strukturelles Problem in den Mittelpunkt: Viele geflüchtete Frauen und Männer arbeiten unterhalb ihrer Qualifikation. Wertvolle Kompetenzen bleiben ungenutzt, während gleichzeitig vor allem kleinen und mittleren Unternehmen Fachkräfte fehlen.

An der Podiumsdiskussion im Rahmen des Workshops nahmen u.a. Dr. Silke Kriwoluzky, Geschäftsführerin von SÖSTRA (Teilvorhabenpartner der Vernetzungsstelle MY TURN, zuständig für das Programmmonitoring), und Dr. Gunilla Fincke, Abteilungsleitung I (Qualifizierung, Aus- und Weiterbildung und Fachkräftesicherung) des BMAS teil. Frau Dr. Fincke unterstrich den Zusammenhang von Fachkräftesicherung und Transformation des Arbeitsmarktes und verwies darauf, dass berufsbegleitende Qualifizierungen es ermöglichen, Beschäftigte und Arbeitsuchende in der Transformation im „System“ zu halten und so erst gar keine Arbeitslosigkeit eintritt. Es gebe weiterhin viele Geringqualifizierte sowie Personen mit nicht anerkannten oder nicht genutzten Qualifikationen, deren Potenziale unzureichend gehoben seien. Frauen, Ältere und Zugewanderte bezeichnete sie als zentrale zusätzliche Fachkräftepotenziale, die deutlich stärker aktiviert werden müssten.

Der anschließende Thementisch „Chancengleichheit und Aufstiegsmobilität von Frauen mit Migrationserfahrung“ wurde von Kristina-Maria Piskač, Projektleiterin des MY TURN-Projekts „AVE! – ansprechen, vernetzen, eingliedern" (DAA Leipzig), und Navina Skibbe de Merle (BMAS) moderiert.

Dabei wurde deutlich: Oft entsteht ein Bruch im Betreuungsprozess genau dann, wenn eine erste Integration in Beschäftigung erfolgt ist. Gerade zu den Möglichkeiten einer berufsbegleitenden Aufstiegsqualifizierung bestehen offenbar noch flächendeckend Informationslücken, die es zu schließen gibt. Ein Schritt in diese Richtung konnte mit der Beteiligung von MY TURN am Tag der Jobcenter bereits gegangen werden. Ziel ist eine bessere Verzahnung der Akteure, zum Beispiel zwischen Berufsberatung im Erwerbsleben (BBiE), Jobcentern und Programmen wie MY TURN.

Instrumente und Angebote: Teilweise zu wenig bekannt

Mehrfach wurde auf das Nationale Onlineportal für berufliche Weiterbildung mein NOW hingewiesen, das mit Informationen rund um Weiterbildung und Umschulung unterstützt. Auch auf die Möglichkeit der Teilqualifizierung wurde hingewiesen. Das Portfolio an Teilqualifikationen, modularen Fortbildungen und Aufstiegsfortbildungen eröffnet insbesondere An- und Ungelernten sowie berufserfahrenen Personen die Möglichkeit, sich zur Fachkraft zu qualifizieren.

Eine zentrale Erkenntnis aus dem Workshop: Die Berufsberatung im Erwerbsleben in den Agenturen für Arbeit muss noch bekannter gemacht werden. Beschäftigte können sich direkt an die BBiE wenden, wenn sie Interesse an einer Weiterqualifizierung haben. 

Wer beim Jobcenter gemeldet ist und eine sozialversicherungspflichtige Arbeit aufnimmt, wird kann durch ein Schreiben der Jobcenter auf die Dienstleistung der BBiE hingewiesen werden. In jedem Agenturbezirk gibt es eine BBiE - Anlaufstelle. Es wird empfohlen, dass die MY TURN-Projekte diese Möglichkeit aktiv in ihre Beratung einbeziehen, und Kontakt aufnehmen zu den BBiE-Teams vor Ort.

Ein Jobcenter berichtete von einem weiteren interessanten Ansatz: Im Zuge des Job-Turbos wurde ein „Turbo-Team" eingerichtet, das eng mit dem Arbeitgeberservice zusammenarbeitet, um besseren Kontakt zu Unternehmen herzustellen. Der Arbeitgeberservice kontaktiert Arbeitgeber etwa sechs Monate, nachdem diese eine vermittelte Person eingestellt haben, um eine Nachbetreuung anzubieten. Weiterqualifizierung könnte dann während der Kontaktaufnahme ebenfalls thematisiert werden.

Sprache als Schlüssel und Hürde

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war der Spracherwerb. Frauen mit Migrationserfahrung streben häufig Berufe im sozialen Bereich oder in der Pflege an. Dort sind die sprachlichen Anforderungen hoch, selbst für Helfertätigkeiten. In handwerklichen oder produzierenden Berufen hingegen, in denen eher Männer arbeiten, ist das erforderliche Sprachniveau oft niedriger. Frauen stehen damit vor einer doppelten Herausforderung: Sie wählen Berufe mit hohen Sprachanforderungen und müssen gleichzeitig Sprachbarrieren überwinden. Für Qualifizierungen und Weiterbildungen wird häufig ein Sprachniveau B2 vorausgesetzt, um den theoretischen Teil absolvieren zu können. Wer dieses Niveau nicht erreicht, bleibt vom beruflichen Aufstieg ausgeschlossen.

Erschwerend kommt hinzu: Sprachkenntnisse sind nicht nur für die Arbeitsaufnahme zentral, sondern für den gesamten Integrationsprozess. Frauen benötigen ausreichende Sprachkenntnisse auch, um Strukturen wie das Betreuungs- oder Schulsystem in Deutschland zu verstehen. 

Umso wichtiger sind niedrigschwellige Angebote, die Sprachpraxis und fachliche Inhalte verbinden. Auf großes Interesse stießen dabei die Sprachübungs- und Sprachpraxisangebote der MY TURN-Projekte, die Kristina-Maria Piskač vorstellte. 

Großes Interesse an MY TURN

Der Workshop zeigte: Das Interesse an MY TURN ist groß. Viele Teilnehmende erkundigten sich nach den Projekten und deren Arbeitsweise. Dass keine neuen Projekte mehr gefördert werden können, wurde mehrfach bedauert. Umso wichtiger ist es, die bestehenden Projekte sichtbar zu machen und die Zusammenarbeit mit Jobcentern, Agenturen für Arbeit und anderen Akteuren vor Ort weiter zu stärken.

Unser Fazit

Der Tag der Jobcenter 2026 hat deutlich gemacht, dass Aufwärtsmobilität kein Selbstläufer ist. Sie braucht klare Strukturen, Beziehungsarbeit auf Augenhöhe und eine Verzahnung aller Akteure vor Ort. Die MY TURN-Projekte leisten hier einen wichtigen Beitrag, indem sie Frauen mit Migrationserfahrung nicht nur in Beschäftigung bringen, sondern sie auf ihrem Weg zu einer qualifikationsadäquaten, nachhaltigen Erwerbstätigkeit begleiten.

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