MY TURN - Frauen mit Migrationserfahrung starten durch

Miteinander reden statt übereinander

Neun Frauen aus dem MY TURN-Projekt „Starke Migrantinnen – Starke Gesellschaft" aus Halle (Saale) haben den Landtag in Magdeburg besucht. Aus dem geplanten Rundgang wurde ein langes Gespräch über das, was beim Ankommen oft im Weg steht.

Den Landtag von Sachsen-Anhalt betreten an Werktagen vor allem Abgeordnete und die Menschen, die für sie arbeiten. Am 18. Juni 2026 war eine Gruppe dort zu Gast, die sonst eher Thema ist: neun Frauen mit Migrationserfahrung aus dem halleschen MY TURN-Projekt „Starke Migrantinnen – Starke Gesellschaft", das durch den Träger AWO SPI umgesetzt wird. Angemeldet hatten sie sich für eine Führung. Am Ende unterhielten sie sich über eine Stunde mit einem Mitarbeiter der SPD-Fraktion im Landtag.

Vom Ankommen zum Bundesverdienstkreuz

Die Idee für einen Landtagsbesuch hatte Projektmitarbeiterin Satenik Roth. Und sie weiß, wovon sie spricht, wenn es ums Ankommen geht. Seit 34 Jahren lebt sie in Deutschland. Aus Armenien kam sie zuerst ins Saarland, dann zog sie mit ihrem Mann nach Halle an der Saale. Sie kannte dort niemanden. Anschluss fand sie über den Ortsverein einer Partei, die sie zu ihren Sitzungen einlud. Daraus wurden Jahre im Ausländerbeirat der Stadt Halle (jetzt Migrationsbeirat). Sie kandidierte bei Wahlen, saß im Vorstand des Bundeszuwanderungs- und Integrationsrats (BZI) und gründete eine Migrant*innenorganisation mit. Für ihr ehrenamtliches Engagement bekam sie vor zwei Jahren das Bundesverdienstkreuz.

Daher rührt ihre Überzeugung: Wer sich interessiert und einbringt, kommt schneller an, gewinnt Selbstvertrauen und Kontakte. So versteht Roth auch den Landtagsbesuch. Dass man sich anmelden und den Ort kennenlernen kann, in dem die Gesetze des Landes beschlossen werden, sei keine Selbstverständlichkeit und zeige, wie Demokratie funktioniert.

Wie hilfreich und verlässlich direkte Kontakte sind, hat Satenik Roth auch bei diesem Besuch erlebt. Führungen im Landtag sind gefragt, und im Haus liefen Umbauarbeiten, deshalb zog sich die Terminfindung. Als Satenik Roth die SPD-Fraktionsvorsitzende Dr. Katja Pähle zufällig in Halle traf und sie auf die geplante Führung ansprach, kam eine Woche später die Zusage.

In der Landeshauptstadt

Weil die Gruppe einen früheren Zug genommen hatte, blieb vor dem Termin im Landtag noch Zeit für die Landeshauptstadt. Die MY TURN-Teilnehmerinnen sahen die Grüne Zitadelle, das Hundertwasserhaus mit seinen runden Formen und begrünten Dächern, und gingen in den Magdeburger Dom. Bei der Führung im Landtag erzählte ein Mitarbeiter dann zuerst die Geschichte des Hauses. Auf der Tribüne über dem Plenarsaal erklärte er, wie eine Sitzung abläuft und welche Fraktion wo sitzt. Damit auch Teilnehmerinnen mit wenig Deutschkenntnissen folgen konnten, bat Roth den Gästeführer, langsam zu sprechen, und ihre Teamkollegin Miriam Schlüter übersetzte parallel ins Englische. Die Frauen fragten viel nach: wo der Landtagspräsident sitze und wie er gewählt werde, wer internationale Gäste begrüße, wie es im Gebäude zugegangen sei, als dort noch eine Ingenieurschule untergebracht war. 

Im Landtag war anschließend ein halbstündiges Gespräch mit Dr. Pähle geplant, die jedoch an dem Tag verhindert war. An ihrer Stelle empfing René Wölfer, ein Mitarbeiter der SPD-Fraktion, die Gruppe. Aus der halben Stunde wurde mehr als eine.

Die Frauen ergreifen das Wort

Sonst wird in einem solchen Haus über Migration verhandelt, oft ohne die Menschen, um die es geht. Hier saßen die Frauen selbst am Tisch und sprachen aus, was ihren Alltag bestimmt. Eine Teilnehmerin aus Syrien fragte: „Ich verstehe nicht, warum so viel Hass. Was habe ich denn getan?" In ihrer Heimat hat sie Literaturwissenschaften studiert und als Schriftstellerin gearbeitet, in Halle macht sie aktuell eine Ausbildung als Erzieherin. Ihr Thema fand Gehör, auch bei Wölfer: Er habe selbst einen schmalen Band darüber geschrieben, wie eine Kleinstadt mit Zuwanderung umgeht. Nach dem Gespräch hat sie ihn auf das Buch angesprochen, sie wolle es lesen.

Danach wurde es konkret. Es ging um die Anerkennung ausländischer Abschlüsse, die sich oft über Jahre zieht und durch bürokratische Hürden ausgebremst wird. Roth nannte das Beispiel einer Ärztin aus Armenien, deren Studium nicht anerkannt wird und die nun eine Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin anstrebt, also unter ihrer eigentlichen Qualifikation. Solche Wege sind keine Ausnahme. Auch die Förderung der Deutschkenntnisse wurde besprochen. Wölfer machte den Frauen Mut und nannte praktische Wege, etwa über ein Praktikum einen Einstieg zu finden. An diesem Punkt hakte Miriam Schlüter ein: Unter den Teilnehmerinnen seien auch hochqualifizierte Frauen. Und auch unabhängig davon wünsche sie sich, dass Frauen ihren Beruf selbst wählen können. Einen Fachkräftemangel auszugleichen, etwa in der Pflege, solle nicht das primäre Ziel sein, wenn es nicht dem jeweiligen Berufswunsch entspreche.

Eine Teilnehmerin fragte Wölfer, was er den Frauen raten würde. Seine Antwort fiel ausführlich aus. In Erinnerung geblieben sind Miriam Schlüter vor allem zwei Gedanken: nicht aufzugeben, auch wenn die Hürden groß seien, und mit der eigenen Geschichte und den eigenen Wünschen sichtbar zu werden, im Kleinen wie im Großen.

Am meisten beeindruckt hat Satenik Roth, dass die Schriftstellerin den Mut hatte, offen über Rassismus im Alltag zu sprechen, und wie die Frauen den Tag als Gruppe erlebten. Schon im Zug kamen sie ins Gespräch. Viele suchten den Austausch untereinander, der im Projektalltag nicht immer möglich ist. Diesen Austausch hielt Miriam Schlüter für besonders wertvoll: Die Frauen hörten die Geschichten der anderen und erfuhren, welche Wege manche schon gegangen waren.

Mitgenommen haben die Teilnehmerinnen auch einen Eindruck davon, wie eine politische Institution organisiert ist und wie sie arbeitet. Einige Frauen beschäftigte danach noch die Frage, wie sich die eigene Stimme finden lässt und wie sie sich vertreten und gesehen fühlen können.

Ein Rat für andere Projekte

Anderen MY TURN-Projekten empfiehlt Satenik Roth das Format ausdrücklich. Die größte Hürde sei die Wartezeit gewesen, geholfen habe am Ende der persönliche Kontakt. Besonders lohnt sich aus ihrer Sicht der Versuch in Wahljahren auf Landes- oder Kommunalebene: Kurz nach der Wahl sind viele Abgeordnete besonders gut erreichbar. Gruppen können sich über das Wahlkreisbüro einer oder eines Abgeordneten anmelden, ein Anruf oder eine E-Mail genügt meist für den Anfang. Im Projekt lohnt es sich, vorab mit der Gruppe den Ablauf zu besprechen, auch das Verhalten an besonderen Orten wie einem Landtag oder einer Kirche.

Am Ende ging es in Magdeburg um mehr als die Räume, in denen Politik gemacht wird. Die Frauen haben erlebt, dass man dort nicht nur über sie spricht, sondern mit ihnen, dass ihre Fragen und Sorgen gehört werden. Für Satenik Roth steht fest: Sie würde einen solchen Besuch immer wieder organisieren.

Mehr zum Projekt erfahren Sie im Projektsteckbrief Starke Migrantinnen – Starke Gesellschaft

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