Eine verlässliche Zusammenarbeit mit dem Jobcenter aufzubauen, kostet viele MY TURN-Projekte Zeit und Geduld. Im sächsischen Vogtland ist daraus eine eingespielte Partnerschaft geworden. Beim Projekt MOVE (Migrantinnen offensiv eingliedern) des Bildungsinstituts PSCHERER gGmbH aus Plauen kommen mehr als 80 Prozent der Teilnehmerinnen auf Empfehlung des Jobcenters Vogtland und die meisten von ihnen nehmen das Angebot einer MOVE-Teilnahme auch an. Projektleiterin Damaris Plietzsch und Sozialpädagogin Sybille Peter erklären, woran das liegt. Mit Glück oder Zufall hat das wenig zu tun.
Die Zusammenarbeit begann vor dem Antrag
Schon bevor MOVE 2022 den Förderantrag für das ESF Plus-Bundesprogramm MY TURN stellte, ging das Projekt auf das Jobcenter Vogtland und die Agentur für Arbeit Plauen zu und fragte zuerst nach dem Bedarf: Gibt es Kundinnen mit Migrationserfahrung, für die besondere Angebote wie die von MOVE infrage kommen? Kurze Zeit später kam die positive Antwort und der Grundstein für die Zusammenarbeit war gelegt.
Ebenso wichtig wie der frühe Kontakt war die Ebene, auf der er stattfand und bis heute stattfindet. Die Zusammenarbeit läuft über die Teamleitung des Teams „Markt und Integration“, also über die Stelle, die täglich mit der MY TURN-Zielgruppe arbeitet. Das Jobcenter Plauen hat sich bewusst für diese Ebene entschieden. Eine Teamleitung kann anders entscheiden als eine Integrationsfachkraft, Förderinstrumente lassen sich schneller einsetzen, die Wege sind kurz. „Das war eine strategische Entscheidung des Jobcenter Vogtland", sagt Damaris Plietzsch.
Gemeinsam am Tisch
Dass die Vermittlung von Frauen ins MOVE-Projekt so gut funktioniert, hat aus Sicht der Projektleiterin einen einfachen Grund: MOVE wartet nicht darauf, dass eine Frau von allein zum Projekt kommt. Stattdessen sitzen alle Beteiligten von Anfang an gemeinsam am Tisch: das Projektteam, die Ansprechperson im Jobcenter und die potenzielle Teilnehmerin. Der erste Kontakt findet im Jobcenter statt, dort, wo die Frau ohnehin einen Termin hat.
Der erste Eindruck macht den Unterschied. Die Frauen erfahren sofort, mit wem sie es zu tun haben, ob ihr Gegenüber empathisch ist und wie das Projekt arbeitet. So kann Vertrauen aufgebaut werden, bevor überhaupt von Teilnahme am Projekt die Rede ist. Wer sich an diesem Punkt schon ein wenig wohlfühlt, sagt eher „Ja“.
„Der Weg dorthin war ein gemeinsamer Lernprozess“, erinnert sich Damaris Plietzsch. Zu Beginn lud das Projektteam die Integrationsfachkräfte zu einer Informationsveranstaltung ein und stellte die wichtigsten Fakten vor. So konnten die Jobvermittler*innen passende Kundinnen für das Projekt auswählen. Die ersten Projektvorstellungen erfolgten für potenzielle Teilnehmerinnen in Gruppen mit bis zu sieben Frauen. Das funktionierte allerdings nicht optimal. In der Gruppe fiel es vielen Frauen schwer, einer Teilnahme sofort zuzustimmen.
Also stellten MOVE und das Jobcenter um. „Wenn das Gruppenangebot so nicht funktioniert, dann versuchen wir es eben in Einzelterminen", erinnert sich Sybille Peter. Seitdem lädt die zuständige Integrationsfachkraft im Jobcenter ihre Kundin und das MOVE-Team zum Einzelgespräch ein. Gelegentlich führen die Projektmitarbeiter*innen die Kennenlerngespräche auch allein, in Abstimmung mit dem Jobcenter und in dessen Räumen. „Es ist immer etwas Gemeinsames", ergänzt Frau Peter.
Transparenz schafft Vertrauen
Wenn die Frauen im Projekt begleitet und unterstützt werden, schicken die Mitarbeiterinnen von MOVE jeden Monat eine Statusmeldung an die zuständigen Integrationsfachkräfte im Jobcenter und gehen dabei sehr bewusst mit den Informationen um.
Eine eigene Datenschutzerklärung regelt das Ganze und die Teilnehmerinnen wissen, dass dieser Austausch stattfindet. Erklärt wird ihnen das in Ruhe, gerade wegen der Sprachbarrieren. Transparenz ist hier die Grundlage für Vertrauen.
Im Bericht steht, wie die Teilnahme verläuft: Ob es sich um Einzel- oder Gruppentermine handelt, welche nächsten Ziele anstehen oder welche Bewerbungen abgegeben wurden. „Alles, was gesundheitlicher und privater Natur ist, teilen wir selbstverständlich nicht mit", sagt Sybille Peter. „Das ist nicht das passende Format für solche Informationen." Für persönliche oder sensible Themen vereinbart das Team stattdessen einen Termin gemeinsam mit der Teilnehmerin im Jobcenter.
Der Austausch kommt den Teilnehmerinnen zugute: Wenn die zuständige Integrationsfachkraft im Jobcenter weiß, wo eine Frau gerade steht, kann das Jobcenter ihr passendere Angebote, beispielsweise für Qualifizierungen, machen.
Räume, Schulungen und schnelle Hilfe
Das Jobcenter stellt für die ersten Gespräche eigene Räume zur Verfügung. Umgekehrt besucht die Jobcenter-Teamleitung oder einzelne Integrationsfachkräfte in regelmäßigen Abständen Veranstaltungen von MOVE und kommt dort, in einem anderen Rahmen, mit den Teilnehmerinnen ins Gespräch. Der Austausch läuft in beide Richtungen, und die Botschaft ist klar: Das Jobcenter steht als Partner an der Seite von MOVE.
Besonders deutlich wurde das bei der Einführung von „Jobcenter Digital". Als die Anmeldung über die Website und später über die App samt Authentifizierung für viele Projektteilnehmerinnen kompliziert wurde, schulten die Mitarbeitenden des Jobcenters zuerst das MOVE-Team, damit es die Frauen anschließend begleiten konnte. Stockte es während eines Termins beim Jobcenter, genügte ein Anruf, und jemand aus dem Team „Jobcenter Digital“ kam vorbei und richtete den Zugang unkompliziert ein. Heute nutzen die Frauen die App gern, und mit jeder Anwendung wird sie ihnen vertrauter.
MOVE ist inzwischen auch in Zwickau und im Erzgebirge aktiv. Im Detail sieht die Zusammenarbeit je nach Region unterschiedlich aus. Eine monatliche Rückmeldung gibt es überall, ihre Form variiert. Mal wird eine vollständige Statusmeldung gewünscht, mal eine Anwesenheitsliste, mal eine Übersicht über alle Teilnehmenden.
Dass der Schwerpunkt bei den Jobcentern liegt und weniger bei der Agentur für Arbeit, hat einen einfachen Grund. Der Großteil der Frauen, die das Angebot von MOVE in Anspruch nehmen, ist beim Jobcenter gemeldet.
Über das Jobcenter laufen verschiedene Instrumente wie die Förderung der beruflichen Weiterbildung (FbW) oder der Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein (AVGS). Aus Sicht der Projektleitung erleichtert die enge Zusammenarbeit mit dem Jobcenter den Zugang zu den Förderinstrumenten. Ein AVGS kann der Weg in eine Maßnahme beim Arbeitgeber, also ein Praktikum, sein oder zu einer Qualifizierung führen, die mit einem anerkannten Zertifikat abgeschlossen wird. Auch über eine FbW lässt sich ein solches Zertifikat erreichen. Durch den stetigen Austausch mit der Integrationsfachkraft und das Wissen um die Entwicklung der Teilnehmerinnen sei das Verständnis für einen möglichen Bedarf sofort gegeben, so Frau Plietzsch.
MOVE steht damit für etwas, das viele MY TURN-Projekte verbindet: Sie haben verlässliche Kooperationen mit Jobcentern und Arbeitsagenturen aufgebaut, oft beginnend mit dem Schritt, sich an denselben Tisch zu setzen. Anregungen dazu bietet auch die Handreichung zur Zusammenarbeit mit der Arbeitsverwaltung.
Mehr zum Projekt erfahren Sie im Projektsteckbrief MOVE Migrantinnen offensiv eingliedern