Das Ziel, beruflich anzukommen oder wieder einzusteigen, teilen alle MY TURN-Teilnehmerinnen. Entscheidend ist jedoch das „Wie“. Beim Networking Breakfast des Berliner MY TURN-Projekts „Possible“ kommt das „Wie“ von einer Frau, die zuvor vielleicht selbst beim Netzwerkfrühstück saß, beruflich Fuß fassen wollte und es geschafft hat, in kleinen Schritten und oft auf Umwegen. Denn von außen sieht man meist nur den Endpunkt und nicht den Weg dahin.
Zu einem Networking Breakfast des Projekts kommen rund fünfzehn bis zwanzig Projektteilnehmerinnen zusammen. Dafür sind gut zwei Stunden eingeplant. Im Mittelpunkt steht das Role Model, eine Frau mit Migrationserfahrung, die in Deutschland im Berufsleben angekommen ist, oft eine ehemalige Teilnehmerin des Projekts. Sie erzählt von ihrem Weg, der manchmal nicht so geradlinig verlaufen ist, und beantwortet die Fragen aus der Runde. Zum Schluss bleibt Zeit zum Vernetzen.
„Possible“ ist ein Verbundprojekt der beiden Berliner Träger La Red e.V. und Frauenalia gUG. Beide bringen ein, was sich in ihrer bisherigen Arbeit bewährt hat. Das Networking Breakfast ist dafür ein Beispiel: Es stammt ursprünglich von Frauenalia und wurde für „Possible“ weiterentwickelt. Die Frühstücke finden abwechselnd am jeweiligen Projektstandort statt, im Norden Berlins bei La Red oder im Süden, in Neukölln, bei Frauenalia. So erreicht „Possible“ auch Frauen, für die weitere Wege ein Hindernis wären.
Ein Vorbild auf Augenhöhe
Viele MY TURN-Projekte stehen vor derselben Herausforderung: Die Programmteilnehmerinnen bringen oft einen Abschluss und Berufserfahrung aus dem Heimatland mit, finden aber den Anschluss an den Arbeitsmarkt in Deutschland nicht, es fehlen die Netzwerke. Dafür hat „Possible“ das Format des Networking Breakfast mit Role Models eingeführt. Es bringt die Teilnehmerinnen mit einer Frau zusammen, die diesen Anschluss gefunden hat und erzählen kann, wie ihr das gelungen ist. Begoña de la Marta von Frauenalia und Aouregan Catherine von La Red, die das Projekt gemeinsam leiten, kennen viele solcher Wege.
Was die Eingeladene weitergibt, kann eine Beratung von außen kaum ersetzen: den Blick einer Frau, die denselben Weg schon gegangen ist. „Manchmal wirkt das mehr als eine Beratung, die wir selbst durchführen“, sagt Aouregan Catherine. Manche Teilnehmerinnen bringen ihren Laptop mit und hängen ihn an den Beamer, um ihren eigenen Lebenslauf und ihr LinkedIn-Profil vorzustellen. Das macht die einzelnen Schritte sicht- und nachvollziehbar.
Von der Teilnehmerin zum Vorbild
In den allen meisten Fällen wird aus einer ehemaligen Teilnehmerin selbst ein Role Model. Eine Projektteilnehmerin aus Costa Rica mit einem Hochschulabschluss und vielen Jahren Berufserfahrung in der Erwachsenenbildung kam nach Deutschland, wo die fremde Sprache ihr den Wiedereinstieg in ihr Berufsfeld zunächst erschwerte. Dann kam ihr Kind zur Welt. In den Jahren danach stand die Familie im Vordergrund, beruflich musste sie eine Pause einlegen. Bei „Possible“ entdeckte sie ihr Interesse an künstlicher Intelligenz (KI), absolvierte eine Weiterbildung und fand kurz darauf eine erste Stelle. Gut bezahlt war die nicht, und anfangs hatte die Frau den Eindruck, dass ihr Wissen weniger zählte als das der Kolleginnen und Kollegen. Das änderte sich mit der Zeit, sie wurde befördert und arbeitet nun im selben Betrieb, nur in einer anderen, besser bezahlten Position. Wie lange solche Wege dauern, macht Begoña de la Marta deutlich: „Wir sprechen immer von Jahren“. Von außen sehe man das Ergebnis, selten die vielen kleinen Schritte, die dorthin führen.
Später kehrte sie als Role Model zum Networking Breakfast zurück und erzählte in einer sehr kreativen Weise von ihrem Weg. Mithilfe eines interaktiven Spiels, bei dem die anderen Teilnehmerinnen aktiv mitwirkten, hat sie gezeigt, wie vielfältig und vielschichtig jeder Lebensweg sein kann, ihrer und der jeder anderen Frau im Raum. Als Vorbild aber wirke sie wie viele Gäste des Formats, weil sie ihren Weg mit all den Umwegen gezeigt hat.
Der sichere Raum als Voraussetzung
Damit eine Frau so offen erzählt, braucht es Vorbereitung und Vertrauen. Das Networking Breakfast funktioniert so gut, weil es in den gesamten Begleitprozess von „Possible“ eingebettet ist und nie für sich allein steht. „Es geht nicht nur um das Networking Breakfast, es ist ein Bestandteil des Gesamtangebots“, sagt Begoña de la Marta. Was das Format braucht, benennt ihre Kollegin Aouregan Catherine konkret: genug Vorlauf, damit sich Gäste und Teilnehmerinnen vorbereiten können, einen ruhigen Ort ohne klingelndes Telefon, eine Moderation, die ins Thema einführt, und ein Team, das über die Zeit eine Vertrauensbasis aufbaut. „Die Frauen öffnen ein Stück von ihrem Herzen. Das ist nicht selbstverständlich“, sagt Aouregan Catherine. Erst dieser Rahmen bringe die Teilnehmerinnen dazu, auch von Schwierigkeiten zu erzählen.
Für andere MY TURN-Projekte liegt hier der Hinweis zur Nachahmung. Über die Wirkung entscheidet der vertrauensvolle Rahmen, dazu die Einbettung in ein breiteres Angebot. Entscheidend ist, dass eine Gästin bereit ist, ihren Weg mit allen Hindernissen und Umwegen zu zeigen, nicht ihr Sprachniveau oder ein makelloser Lebenslauf.
Das gehört ihnen
Vieles zwischen den Frauen entsteht, ohne dass das Projekt es steuern kann. Einige tauschen Telefonnummern und bleiben nach dem Frühstück in Kontakt. Manche schließen sich für die Jobsuche zu zweit zusammen und recherchieren gemeinsam. Das Projekt erfährt davon oft nur beiläufig, wenn eine Teilnehmerin später berichtet. „Das gehört ihnen. Das ist nicht mehr unser Auftrag“, sagt Begoña de la Marta. Die Vernetzung sei geschafft, den Rest gestalteten die Frauen selbst.
Mehr zum Projekt erfahren Sie im Projektsteckbrief Possible